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     Letzte Aktualisierung: 13.06.2018 (Details)



"Zykluskontrolle"


 

 

"Zykluskontrolle“ – Körper und Geist unter dem Diktat des Terminkalenders und chemischer Hormone

Bei der Internetseite www.femaleaffairs.de.1 handelt es sich um ein Beispiel einer Verhütungs-Infor­mationsseite der Pharmaindustrie mit der Zielgruppe junge Frauen.2 Scheinbar objektiv werden hier verschiedene Verhütungs­methoden mit ihren jeweiligen Vorteilen vergleichend gegen­über­gestellt. Darüber hinaus enthält die Seite verschiedene Videos, Artikel und Ratschläge zu Themen rund um Sexualität, Ver­hütung und Beziehungen. Auch werden verschiedene (vermutlich fiktive) Frauen zu diesen Themen zitiert und Er­geb­nisse von angeblich stattgefundenen Umfragen präsentiert. Erst bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, daß es sich bei dieser Inter­netseite gar nicht um ein reguläres Informationsportal handelt, das mehr oder weniger objektiv über die Themen berichtet, sondern daß die Seite statisch ist und von einer PR-Agentur betrieben wird. Auftraggeber ist in diesem Fall laut Impressum das Pharmaunternehmen Merck Sharp and Dohme Corp und/oder der Lobby­verband FSArzneimittel-Industrie. Welches Interesse diese beiden Organisa­tionen haben, liegt auf der Hand: Sie wollen die Umsätze und Gewinne von Arz­neimitteln, in diesem Falle von hormonellen Ver­hütungsmedikamenten, an­kurbeln. Äußerst subversiv ist die Heran­gehens­weise, wie die folgende Grafik und der Text der Internetseite zeigen:

Abbildung 8: Bildschirmphoto der Internetseite Femaleaffairs.de

 

Sehen, hören und verstehen: Frau Prof. Dr. Dr. Merkle erklärt Ihnen in drei Videos, was Zykluskontrolle ist, wie Sie die Regel verschieben können und welche Vorteile Sie davon haben.

Was versteht man unter Zykluskontrolle?
Zykluskontrolle bedeutet nichts anderes, als den Zeitpunkt und die Häufigkeit der Menstruationsblutungen selbst bestimmen zu können. Möglich machen das hormonelle Verhütungsmethoden wie die Pille oder der Verhütungsring. Sie geben Ihnen genau die Freiheit, die sie sich als moderne und selbst­be­wußte Frau wünschen. Und diese Freiheit werden Sie zu schätzen wissen: Wenn Sie einen Strand­urlaub planen, Ihr Freund Sie am Wochenende be­sucht, oder ein Geschäfts­termin im Ausland anliegt. Ohne Regel können Sie diese Momente ein­fach entspannter genießen.“

 

Das erste auffällige Wort in diesen Sätzen ist das Wort der „Zykluskontrolle“, bei dem es sich offensichtlich um eine künstliche Wortschöpfung handelt. Das Wort klingt zunächst vollkommen neutral, ja wissenschaftlich einwandfrei. Es erinnert schließlich an das englische Wort für Empfängnisverhütung „birth control“. Das im Deutschen eher negativ konnotierte Wort 'Kontrolle' erscheint somit neutralisiert. Was mit „Zykluskontrolle“ gemeint ist, wird von einer angeblichen Ärztin mit angeblichem Doktortitel und angeblichem Ehrendoktor erklärt. Die Titel sollen Kom­pe­tenz wie Autorität vermitteln und damit die Glaubwürdigkeit unter­streichen. Es handelt sich beim beworbenen Produkt um eine Verhütungs­methode – und zwar nicht in Form der „normalen“ hormonellen Verhütung, wie sie seit den 1970er Jahren der Mehrheit der Frauen in westlichen Ländern verabreicht wird, sondern um eine Modifikation dieser Verhütung. Anstatt „lediglich“ einen künstlichen Hormon­spiegel medizinisch herbeizuführen und an einem festgelegten Tag im Monat die Blutung des Reproduktionssystems gezielt stattfinden zu lassen, wird hier dafür plädiert, die Monatsblutung zu „verschieben“ bzw. die „Häufigkeit“ der Blutungen selbst zu bestimmen, sie also gegebenenfalls auch dauerhaft ganz entfallen zu lassen. Der durch „die Pille“ bereits denaturierte Rhythmus der Men­struations­blutungen soll laut „Prof. Dr. Dr. Merkle“ noch weiter­gehender reguliert werden, indem er mit dem individuellen Terminkalender der Frau oder besser der Patientin synchronisiert wird. An dieser Stelle bereits wird deutlich, welches Zivilisations- und Natur­verständnis dem Produkt zugrunde liegt: Der weibliche Körper soll von zivilisatorischen Hervor­bringungen, in diesem Falle von einer chemisch-hormonellen Verhütung, reguliert und in vermeintlich praktikablere Bahnen gelenkt werden, die nach Möglichkeit mit beruflichen Vorgaben und Zielen über­ein­stimmen. Diese künstliche Kon­trolle über ein natürliches System wird mit den positiv konnotierten Begriffen „Freiheit“, „modern“ und „selbst­bewußt“ beworben. Der Widerspruch zwischen Kontrolle und falsch verstandener Freiheit fällt dann gar nicht mehr auf. Man nutzt den Umstand aus, daß die Ziel­gruppe, also junge Frauen, sicherlich Freundinnen von Gleichbe­rechtigung und Emanzipation sind. Man argumentiert geschickt, zu einer selbst­bewußten und modernen Frau passe eine Verhütung, die ihr die volle Kontrolle über ihren Körper gebe. Selbstbewußtsein könnte aber durchaus auch so verstanden werden, daß eine Frau trotz des Besuches des Freunds ihre Regelblutung haben kann. Auch wäre es – anders als hier behauptet – ein Zeichen von echter Emanzipation, wenn sich der Termin­kalender am Menschen und seinem Biorhythmus anpassen würde und nicht umgekehrt.
Mit dieser Emanzipationsargumentation soll das Naturver­ständnis von Frauen fundamental verändert werden. Dies wird auch in der folgenden Passage unterstrichen:

 

Wie können Sie auf Ihre Regel verzichten?
[…] [die] Annahme, daß Frauen ihre monatliche Monatsblutung wünschen. Diese Annahme stammt aus der Zeit, als die ersten hor­monellen Ver­hütungsmethoden entwickelt wurden. Von damals bis heute hat sich aber viel verändert. Frauen sind selbstbewußter, führen ein anderes Leben und haben ganz andere Wünsche. So verzichten Frauen heute gerne auf ihre monatliche Blutung. Vor allem, weil sie aus gesund­heitlichen Gründen überhaupt nicht erforderlich ist. Und hier kommt die Zykluskontrolle ins Spiel.
[…] hat für Sie viele Vorteile: Sie können Ihre Regel auf einen bestimmten Zeitpunkt verschieben. Das bietet sich an, wenn Sie beispielsweise aus beruflichen Gründen häufig verreisen müssen.“

 

Hier wird ein Gegensatz zwischen den „ersten hormonellen Verhütungs­methoden“ und den „neuen“ Methoden konstruiert. Dadurch soll, der Tatsache zum Trotz, daß es sich um ein und dasselbe Wirkprinzip handelt, die vermeintliche Modernität der modifi­zierten hormonellen Verhütungsmethoden unterstrichen werden. Auch soll den Kritikern der hormonellen Verhütung vermutlich der Wind aus den Segeln genommen werden. Die Aussage, aus gesundheitlichen Gründen sei die Monatsblutung nicht nötig, kann als interessengeleitete Behauptung angesehen werden. Je nach individuellem Naturverständnis kann man eine solche Proklamation glauben oder auch nicht. Wie wahrscheinlich es ist, daß eine so massive Veränderung der körperlichen Funktion ohne Konsequenzen bleibt, kann man sich ja vorstellen.

Abbildung 9: Werbe­grafik

 

Stressless Sex – die Ergebnisse unserer Studie 2006
Aus Liebe wird Last, aus Lust wird Frust und aus Sex wird ein Akt. Und warum? Weil die moderne Frau häufig gestresst ist – in der Partner­schaft, beim Sex, von den Kindern. Doch was ist es genau, was sie stresst? Um das herauszufinden, haben die Expertinnen von ‚female affairs‘ die Studie ‚Stressless Sex‘ durchgeführt. […]
‚Smart Sex‘ oder die Entdeckung der Leichtig­keit […]
Schau mich nicht an
Die vermeintlich schlechte Be­ziehung zum eigenen Körper äußert sich bei vielen in ver­minderter sexu­eller Lust. Manche Frauen mei­den bestimmte Positionen beim Sex, um so ihre als unschön empfun­denen Be­reiche zu ‚ver­stecken‘. Schuld an die­sem Verhalten seien u. a. die medi­alen Leit­bilder und die ge­sell­schaft­lich­en Sexual­normen.
Diesem Bild (der ‚perfekten‘ Frau), das die Medien vermitteln, kann eigent­lich keine nor­male Frau standhalten, ohne unter Druck zu geraten.“

 

Kernaussage dieser Passage: „Die moderne Frau“ sei „häufig gestreßt“ und fühle sich in bezug auf ihre Sexualität „unter Druck“ gesetzt, da sie glaube, einem be­stimmten medialen „Bild der perfekten Frau“ entsprechen zu müssen. Zudem leide sie häufig an Lustlosigkeit in bezug auf Sex („ver­minderter sexueller Lust“). Sexuelle Lustlosigkeit bis hin zu einem permanenten Verlust der Libido können Neben­wirkungen hormo­neller Verhütung sein. Es drängt sich an dieser Stelle der Eindruck auf, man versuche gezielt, von den negativen Wir­kungen der angepriesenen Produkte abzulenken, indem die Aufmerk­samkeit auf Diskrimi­nierung und Sexismus gelenkt wird. Zum anderen wird mit den Worten „modern“ und „Stress“ eine allgemeine berufliche Überlas­tung durch neoliberal geprägte Arbeits- und Lebensumstände angedeutet, für welche die angepriesenen Produkte auch eine Lösung darstellten. Die Frau in unserer Ge­sell­schaft wird als Unterdrückte dargestellt. Der unbe­stritten bestehende Sexismus wird auch hier psycho-strategisch instru­men­talisiert. In der Werbe­grafik mit der glücklich im Pool schwimmenden Frau wird dies auch so formu­liert: Ich mach' Urlaub – auch von der Regel“. Hier soll der Gegensatz zwischen einem vermeintlich stressigen Leben und der Werbeaussage „ein Problem weniger“ noch einmal unterstrichen werden. Um die Argumenta­tionslinie zu stärken, verweisen „die ExpertInnen von ‚female affairs‘“ auf eine „Studie“, die sie angeblich haben durch­führen lassen. Female­affairs.de trägt nicht dazu bei, den Sexismus in unserer Ge­sell­schaft zu be­käm­pfen, die Mentalität der Menschen zu ändern, das Selbst­be­wußtsein von Frauen zu stärken oder die ständige Überforderung durch die Leistungsge­sell­schaft anzugehen.

Vielmehr wird eine technisch-medi­zinische Lösung vorge­schlagen, im Rahmen derer sich die Frau durch die regelmäßige Einnahme von indus­triell hergestellten Hormonen dauerhaft ihrer Regelblutungen und ihrem natürlichen Menstruationszyklus entledigen soll. Dieser Vorgang wird als praktisch und ohne Konsequenzen dar­ge­stellt. Mögliche Neben­wirkungen werden nur pro forma und am Rande erwähnt. Blinder Fortschrittseifer kann den Initiatoren dieser Internetseite eigentlich nicht vorgeworfen werden, da sie am besten über die Nebenwirkungen ihrer Produkte Bescheid wissen. Dennoch baut die Argumentation darauf, daß die Zielgruppe jenem Fort­schrittsglauben unterliegt und die Argumen­tation als plausibel em­pfindet. Den Leserinnen soll der Wider­spruch nicht auffallen, daß mit der langen Liste möglicher Nebenwirkungen dem prokla­mierten Fort­schritt zugleich ein klarer Rückschritt für Gesund­heit, Wohlbefinden und durchschnittliche Lebens­erwartung gegen­übersteht. Dieser Rückschritt umfaßt ein breites Spektrum von möglichen Wesens­veränderungen, Dep­ressionen, Schlaf­störungen, häufigen Kopf­schmerzen, ver­minderter oder nachhaltig gestörter Libido bis hin zum erhöhten Risiko für Brust- und andere Krebsarten, für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Zu­dem kann die Einnahme derartiger Hormon­präparate zu Übergewicht, Wasser­einlagerungen, Bluthochdruck, Gereiztheit und vielen weiteren Schäden führen.3 All dies ist natürlich nicht einmal im Sinne einer leistungsorientierten Gesellschaft. Auch das Argu­ment, man mache hiermit „Urlaub von der Regel“, dürfte selbst für eine bewußt handelnde karriereorientierte Frau nicht nachvollziehbar sein, denn die möglichen Nebenwirkungen stellen, neoliberal argumentiert, ein großes Risiko für die berufliche Leistungsfähigkeit und Produktivität dar. Die Internetseite Femaleaffairs.de transportiert eine klar neoliberale Sichtweise in bezug auf den menschlichen Körper. Dieser wird als schwer kontrollierbar und unpraktisch dargestellt. Es wird angedeutet, daß dies ein Hindernis für die „Karriere“ sei. Was hier als Freiheit für die Frau verkauft wird, ist die Übernahme der Kontrolle durch die Pharmaindustrie unter Inkauf­nahme hoher gesund­heitlicher Risiken. Die natur­gegebenen Widrig­keiten des weiblichen Körpers werden aus­genutzt, um ein gutes Geschäft zu machen. Die hier von der Pharma­industrie bereitgestellten „Informationen“ sind ganz einfach getarnte Werbung. Das von Fortschrittsglauben und ökonomischen Überlegungen dominierte Ver­hältnis der Menschen zum eigenen Körper spielt auch im folgenden Text eine zentrale Rolle. Hier geht es nicht um individuelle Entscheidungen bezüglich des eigenen Körpers, sondern um eine Art kollektives Körper­bewußtsein, das gezielt verändert werden soll. Es geht um die ver­meintlich hohe ökonomische Bedeutung des Lächelns und um die bessere Positionierung eines Standorts im globalen Wettbewerb.

 

 

1 Quelle für Texte und Grafiken: www.femaleaffairs.de (Stand: 16.08.2008). Im überarbeiteten Inter­net­auftritt ist im Impressum zu lesen: „MSD SHARP & DOHME GMBH“. Es befindet sich dort auch ein Link zur „FSArzneimitte-Industrie e.V.“. Die Domain ist auf den Pharmakonzern Merck Sharp and Dohme Corp registriert (Stand: 05/12).

2 Die Seite ist eine von mehreren vergleichbaren Seiten von denselben Initiatoren. Ähnliche Inhalte bei ganz anderer optischer Erscheinung finden sich etwa auf www.individuellverhueten.de.

3 Erstaunlicherweise werden derlei Präparate dennoch und teilweise ohne tiefgehende Beratung von Schulmedizinern verschrieben – obwohl es mit der Kupferspirale und verschiedenen Metho­den der natürlichen Empfängnisverhütung bewährte und sichere Alternativen gibt, die unge­fährlich für Leib, Leben und Geist sind.

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