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     Letzte Aktualisierung: 13.06.2018 (Details)



Industrialisierte Fleischproduktion


 

 

Tierhaltung im Neoliberalismus -
die industrialisierte Fleischproduktion

Die Art und Weise, mit der im Rahmen industrieller Fleischproduktion mit Tieren ver­fahren wird, sagt viel über das Natur- und Zivilisationsverständnis unserer Ge­sell­schaft und den vorherrschenden Zeitgeist aus. In diesem Kapitel sollen Aus­sagen analysiert werden, wie sie von Vertretern dieser Fleischindustrie be­ziehungs­weise von Mitarbeitern des Unternehmens „Danish Crown“ getätigt werden. Ergänzt werden soll dies um die politische Dimension durch die Dar­stellung eines Inter­view-Ausschnittes mit dem Sprecher des EU-Agrar­kommissars.1

Bei der hier darge­stellten Fleischproduktion geht es konkret um die industrielle Massen­tierhaltung von Schweinen. Die Tiere werden in wenigen Wochen geboren, gemästet und geschlachtet. Ohne auch nur ein Mal im Leben echte Erde betreten, frische Luft geatmet, geschweige denn Natur und Instinkt entsprechend im Boden gewühlt zu haben. Die Zeitabschnitte von Säugen, Aufzucht durch die Muttersau und Schlachtung bemessen sich ausschließlich am Optimum öko­no­mischer Effizienz. Dies wird besonders deutlich im Lichte der folgenden Aussagen.

[Wörtliches Zitat aus TV-Dokumentation:] 2 „Wirt­schaftlich betrachtet, habe ich einfach zu wenig Ferkel pro Sau produziert, als die Tiere draußen waren. Bei Freilandhaltung ist die Sterblichkeit im Schnitt zehn Prozent höher als im Stall. Draußen gab es bis zu 24 Ferkel pro Sau. Drinnen überleben um die 30 Ferkel. Das ist ökonomisch betrachtet ein großer Unterschied“

[Zweites Zitat:]
3 „Es wäre besser, wenn wir das nicht machen müßten. Aber letztendlich müssen wir mit der Produktion von Schweinen Geld verdienen. Ich glaube, das hier [der sterile Massenaufzucht- und Schlacht­betrieb, in dem er arbeitet] ist ein guter Kompromiß. […]
Als ich noch ein Kind war, liefen die Schweine noch frei rum und haben dann ihre Ferkel bekommen. Das waren pro Jahr 15 Ferkel. Jetzt produzieren sie jährlich 31 Ferkel. Das ist der Unterschied.“

Diese beiden Zitate von Landwirten, die für die Fleischindustrie und für einen Betrieb der sogenannten Massentierhaltung arbeiten, drehen sich um ein Kern­argument: Die Wirt­schaftlichkeit, die einem würdigen Umgang mit den Tieren entgegensteht und welcher der Vorrang eingeräumt wird („es wäre besser …“ versus „müssen […] Geld verdienen“). Es wird hierbei gar nicht explizit begründet, weshalb die „Produk­tion“ von 24 oder 15 Ferkeln pro Sau und Jahr„zu wenig“ sei. Implizit wird als Grund eine Wettbewerbssituation und der Zwang zur Anpassung an Marktbedingungen als selbst­ver­ständlich ange­nommen. Im Zuge dieser An­passung müßten Effizienzsteigerungen um jeden Preis realisiert werden. Diese vermeintlichen Zwänge scheinen jegliche Notwendigkeit zur moralischen Recht­fertigung aufzuheben.

Im Sinne von Effizienz­steigerungen und Unternehmensgewinnen müsse dement­sprechend alles technisch Mach­bare auch tat­säch­lich umgesetzt werden, so die Annahme.

Was diese beiden Mitarbeiter komplett ausblenden, ist die Frage nach dem Markt­segment. Die Firma, für die sie arbeiten, bedient ein Segment für möglichst kostengünstiges Fleisch. Verschwiegen wird, daß auch andere Märkte bestehen – etwa der Markt für nachhaltige und oder für ökologische Produkte. Es geht also nicht nur um die Frage, ob die Kosten um jeden Preis gesenkt werden müssen, sondern auch um die Frage, welchen Weg der Produzent be­wußt beschreitet, welche Produkte produziert werden und ob es Fleisch sein muß. Mal abgesehen von der Pfadabhängigkeit eines Unternehmens, kann es ebenso gut Tofu­produkte, Sojasauce, Biomüsli oder andere, umweltverträglichere Eiweißlieferanten her­stellen.4 Es gibt weder eine betriebs- noch volks­wirtschaftliche, noch eine öko­logische und erst recht keine moralische Not­wen­digkeit für die Produktion von Schweine­fleisch.

Mit beiden Aussagen wird der ökonomische Wettbewerb als Regulator für die Fleisch­produktion akzeptiert. Die Verhältnisse würden durch ihn determiniert und die Konsumenten und Hersteller müßten sich schlicht und einfach an­passen. Ethische und ökologische Fragen trauen sich die Interviewten nicht, deutlich zu stellen. Andere Mitarbeiter kommen sogar über­haupt nicht auf die Idee, moralische Maßstäbe in Erwägung zu ziehen:

[Drittes Zitat aus TV-Dokumentation:] 5
„Wir bekommen lebendige Schweine und schlachten sie. Wir trennen und unterteilen das Fleisch in bestimmte Kategorien. In der Autoindustrie oder ähnlichen Unter­nehmen ist es ja so, daß man erst einzelne Teile bekommt und die baut man zusammen. Am Ende hat man dann ein neues Auto. Bei uns ist es anders­herum. Wir teilen und separieren. Das ist der Unterschied.“

[Zitat aus einem Geschäftsbericht von Danish Crown:] 6
„Biologische Vermögenswerte
Biologische Vermögenswerte, die beim Danish Crown-Konzern lebendige Tiere umfassen, werden zum beizulegenden Zeitwert bewertet, sofern ein aktiver Markt besteht, abzüglich erwarteter Verkaufskosten, oder zu Anschaffungs­kosten.“

Dort, wo zumindest noch einer der beiden oben zitierten Landwirte und Schweine­züchter moralische Bedenken zu dieser Art von Fleischproduktion äußert, legt der zitierte Herr Laursen eine deutlich konsequentere Ideologie bezüglich seiner Arbeit an den Tag. Er sieht die Einzelteile ehemals lebendiger Schweine als reine Pro­duktionsgüter, ähnlich wie Schrauben und Blech­teile für die Auto­mobil­-Produktion. In dieselbe Kerbe schlägt der Geschäftsbericht von Danish Crown. Hier werden leben­dige Tiere als „biologische Vermögenswerte“ bezeichnet. Man versucht nicht einmal mehr, den Anschein von Respekt oder gar Mitgefühl gegen­über den Lebe­wesen aus­zu­drücken, aus denen man seine Gewinne zieht.
Diese Wahrnehmung verstärkt sich bei der Lektüre der Internetseite und weiteren Aussagen des Unternehmens:


„Wussten Sie? 7

  • dass Danish Crown einen Internetkatalog mit mehr als 200 Zerlegungen von Schweine- und Rindfleisch entwickelt hat.

  • dass der Schlachthof in Horsens eine überdachte Fläche bedeckt, die ungefähr 10 Fußballfeldern entspricht, d.h. ca. 75.000 m² oder 7,5 ha.

  • dass Danish Crown der größte Fleischexporteur der Welt ist. Die Ausfuhr beträgt jährlich 3 Mio. Euro. […] Danish Crown liefert Schweinefleisch an Kunden in der ganzen Welt.

  • dass Danish Crown jährlich 16,3 Mio. Schweine in Dänemark schlachtet. Wenn sie hintereinander stünden, entspräche das einer Länge von 24.000 km – oder gut ein halbes Mal um die Erde“

Danish Crown exportiert jetzt schon in 130 Länder. Es bleiben also nicht mehr viele Märkte übrig.“ 8


[Abbildung 11: Bildschirmphotos der Internetseite www.danishcrown.com]

Aus diesen Zitaten sprechen zwei Aspekte einer Weltanschauung: Zum einen wird, wie oben schon festgestellt, erneut klar, daß man ein materialistisches Ver­hältnis zur „Ware“ hat, die man produziert. Man spricht von Produk­tions­faktoren, die in„mehr als 200“ Fleischprodukte„geteilt und separiert“ werden. Hinzu kommt in den Kurzzitaten das Protzen mit Größe und erfolgreichen Globalisierungs­aktivi­täten. Man möchte mit Größe eine vermeintliche Über­legen­heit manifes­tieren und durch die Bilder Macht- und Weltbe­herr­schungs-Ansprüche darlegen.

Dies wird auch anhand der Abbildung 11 (unten) deutlich, auf welcher ein recht beleibter Mann in Weiß gekleidet – vermutlich ein Mitarbeiter eines Schlachthofs – auf einer viel kleineren Ziege reitet. Mit einer Hand hält er das Halsband um den Hals des Tieres eng angezogen, mit der anderen hält er der Ziege eine an einem Stock baumelnde Möhre vor. Vermutlich als Köder, damit sie sich vorwärts ­bewegt. In Kombination mit der Überschrift „Danish Crown auf der ganzen Welt“ kann dieses Bild metaphorisch so gedeutet werden, daß die globale Expansion des Unter­nehmens auf dem Rücken der Tiere vorangetrieben wird. Diese würden von den Menschen dominiert und manipuliert, damit sie sich in ihrem Sinne verhielten. Ein selt­sames Bild, das die Respektlosigkeit gegenüber tierischem Leben abermals unter­streicht.

Auf dem oberen Bild sind einige Mitarbeiter von Danish Crown zu sehen, die sich auf einer Wiese vor einem sehr großen Schlachthofgebäude des Unter­nehmens be­finden. Sie werfen fröhlich Bälle in die Luft, auf denen Weltkugeln abgebildet sind. Dieses Bild soll wohl vermitteln, wie die Firma mit spielender Leichtigkeit ihre Inter­na­tionali­sierungs­strategie verfolge. Der Spruch „Der globale Arbeitsplatz“ stützt diese Interpretation. Die dargestellte Leichtigkeit steht im offensichtlichen Widerspruch zum im Text vielfach unterstrichenen harten Wettbewerb, der auf dem Unternehmen und vor allem auf den Mitarbeitern laste.
Weitere interessante Aussagen finden sich im Geschäftsbericht der Firma:
9

Beim Landwirt haben die Tiere die bestmöglichen Verhältnisse für ein gutes und gesundes Anwachsen, um dadurch Schweinefleisch von er­näh­rungs­mäßig hoher Qualität zu erzielen. Im Schlachthof werden die Schweine schonend behandelt, was zu einer hohen Fleischqualität führt […] Die dä­nische Fleisch­beschau ist eine der strengsten der Welt, in der Primärlandwirt­schaft sowie in den Schlachthöfen. […]
Die Messung des Wohlbefindens [der Mitarbeiter] wurde dieses Jahr in der Mutterge­sell­schaft zum dritten Mal, in der Tulip Food Company zum zweiten Mal und bei den Ange­stellten in den schwedischen und deutschen Abtei­lungen der Tulip Food Com­pany erstmalig durchgeführt. Die Konzern­unter­nehmen arbei­ten laufend an der Verbesserung des gesund­heitlichen Zustands der Mitar­beiter. […]
Sowohl von den Ressourcen als auch aus wirt­schaftlicher­ Betrachtung ist es daher wichtig, die Verwendung aller Teile des Tieres zu optimieren. […] In den letzten Jahren war die Aufmerksamkeit stark auf genau diese Art von Res­sour­cen­verschwendung gerichtet, die als eine der größten unsichtbaren Klima­be­lastungen bezeichnet wird.“

Diese drei Absätze aus dem Geschäftsbericht können als typische Rela­tivierungs­versuche von Unternehmen verstanden werden, deren Kerntätigkeiten umstritten und/oder nicht mit den Moralvorstellungen größerer Be­völ­kerungs­gruppen ver­einbar sind. Man versucht sich hier als öko­logisch, als ressourcensparend und sogar als tierfreundlich zu präsentieren. Darüber hinaus wird betont, man sei ein guter Arbeitgeber und behandle seine Angestellten fair. Der Verweis auf die ver­meintlich klimafreundliche Strategie des Unternehmens muß klar als Green­washing bezeichnet werden. Im Sinne der Selbstvermarktung soll das Bild des Unternehmens in der Öffent­lichkeit positiv verändert werden, während die unöko­logischen Kon­zern­aktivitäten unverändert fortbestehen. In Wirklichkeit zählt näm­lich ausgerechnet die Fleisch­industrie unbestrittenerweise zu den größten Ressourcen-­Verschwendern unter allen Industriezweigen.10

Ebenso widersprüchlich mutet die Andeutung an, man bemühe sich in besonderer Weise um das„Wohlbefinden“ der Mitarbeiter. Dies wird anhand folgender Aus­sagen eines sogenannten Gewerk­schafts­ver­treters innerhalb der Firma deutlich.

[Aus einem Firmenvideo von www.danishcrown.com:] 11
„Ich heiße Lars Mose und bin 39 Jahre alt. Ich arbeite seit vierzehn Jahren bei Danishcrown. Seit sechs Jahren bin ich dort auch Gewerkschaftsvertreter. Wenn das Unternehmen Einschnitte macht, muß ich den Leuten klarmachen, daß das gut und richtig ist. Sag ich aber zum Beispiel, ‚das liegt am starken Wettbewerb oder so ähnlich‘, ja dann frage ich mich, wen vertrete ich hier eigentlich?
Und ruft man Arbeitermacht und vermittelt nicht, tja dann gibt es nur einen Weg und der führt mit Garantie ganz nach unten. Dann gibt es irgendwann keine fleischverarbeitenden Unternehmen mehr in Dänemark.
Wenn ein Problem auftaucht, müssen wir das später wieder in Ordnung bringen. […]
‚Na Leif, wie läuft die Arbeit hier?‘ [Frage an einen Mitarbeiter, der gerade Körperteile eines Schweins mit einem Messer zerteilt] ‚Na ja, wir haben den ganzen Tag eine Menge zu tun – und manche Tage sind eben besser als andere.‘ [Lars Mose:] ‚Tja, das stimmt schon. Kurz nachdem wir hier anfingen, wurden die Akkordsätze gesteigert. Früher war das anders, da hatten wir mehr Ver­handlungs­spielraum. Seit wir hier hingezogen sind, ist das nicht mehr möglich. Heute konkurrieren wir mit den Polen. Die arbeiten natürlich billiger als wir, also müssen wir genau die vereinbarten Akkord­zahlen er­reichen.
Verhandlungen sind heute schwierig. Wenn wir hier bleiben, gibt es kaum Spielraum [tote Schweine ziehen im Film vorbei]. Wir arbeiten in einem Unter­nehmen, das schnell agieren muß und in dem die Prozesse ständig optimiert werden. Deswegen muß ich meinen Kollegen immer wieder erklären: Wir haben leider keine Wahl, wenn wir überleben wollen. Manchmal ist das für die Be­troffenen schwer zu akzeptieren. Da stehe natürlich gerade ich als Gewerkschaftsvertreter vor einem Dilemma. Vor 10 Jahren konnten wir die Interessen der Arbeitnehmer leichter vertreten. Das tun wir natürlich immer noch. Aber es gibt immer öfter Situationen, in denen das nicht so aussieht. Manch­mal ist es zwar schwieriger und man muß sich einiges gefallen lassen. Aber ich freue mich immer, wenn sich ein Problem lösen läßt. Und wenn die Kollegen zufrieden sind, weil ich ihnen so oder so helfen konnte.“

In diesem Zitat erklärt ein Gewerkschaftsvertreter, der eigentlich die Interessen der Mitarbeiter vertreten sollte, weshalb alle von der Geschäftsführung gesetzten Be­dingungen von den Arbeitnehmern akzeptiert werden müßten. Er spricht wie ein einzeln für sich agierender Vertreter der Arbeitgeberseite von „Einschnitten“ und „Konkurrenz“ mit ausländischen Betrieben, von seiner Meinung nach legi­timer­weise gesteigerten Akkordzahlen und daß man sich „einiges gefallen lassen“ müsse. Kein Wort von Gewerk­schafts­themen wie Arbeitnehmerrechten, Gehalts­stei­gerungen, sozialer Gerech­tig­keit. Es kann be­zweifelt werden, daß dieser Mensch ein Vertreter einer echten, unabhängigen Ge­werk­schaft ist. Wahr­scheinlicher erscheint es, daß er in einer arbeit­gebernahen Pseudo-Gewerkschaft organisiert ist (ähnlich wie die „christlichen“ Gewerkschaften in Deutschland).

Herr Mose vertritt eine bestimmte Haltung, welche die Schaffung und den Erhalt von Arbeitsplätzen als höchstes Ziel erklärt. Alle anderen möglichen gesell­schaftlichen Ziele werden diesem Hauptziel untergeordnet. Zudem propagiert Mose die uneingeschränkte Anpassung an den globalen Weltmarkt. Er erklärt es für unvermeidlich, in einen Unter­bietungswettbewerb um Dumpinglöhne mit be­nach­barten Ländern einzutreten.

Es darf bezweifelt werden, daß ein solcher Unter­bietungs­wettbewerb mit deutlich ärmeren Volkswirt­schaften auf lange Sicht zu gewinnen sein wird, ohne daß der Lebens­standard in diesem Falle Dänemarks deutlich sinkt. Die Frage nach alter­nativen Möglichkeiten wird auch von Herrn Mose nicht gestellt. Wenn man es genaubetrachtet, nimmt er seine eigene Weltanschauung damit nicht ernst. In der liberalen Wirtschafts­theorie spricht man von komparativen Kostenvorteilen und davon, daß eine zwischen­staatliche Arbeitsteilung sinnvoll sei. Demnach kommt es zu Wohl­stands­steigerungen, wenn Volkswirtschaften einen Fokus auf bestimmte Wirt­schafts­zweige legen und Güter, die woanders günstiger produziert werden können, durch zwischenstaatlichen Handel beschaffen, anstatt diese Güter selber zu produzieren. Wer in diesem Sinne den Markt als höchsten Regulator wirt­schaftlicher Aktivität sieht, muß logischerweise auch Flexibilität im Denken propagieren. Wird die Markt­argumentation konsequent zu Ende geführt, müßte möglicherweise ein­ge­standen werden, daß der Fortbestand einer Fleischfabrik in Nord-Westeuropa ökonomisch gar nicht sinnvoll ist und daß an der Stelle, an der früher eine Fleischfabrik stand, schon bald etwas Neues, dem Standort Ange­messeneres stehen müßte – etwa eine Fabrik für Windkraftanlagen oder Tofu­wurst.

Wie schon oben angemerkt, könnte das Unternehmen durch ent­sprechende Änderungen des Fokus von Massenfleisch auf andere Produkte den Teufelskreis eines aussichtslosen Unterbietungswettbewerbs durchbrechen. So ließen sich mit neu­artigen öko­logischen Ersatzprodukten mit Sicherheit eine höhere Gewinn­marge und bessere Arbeitsbedingungen real­isieren als mit Standard­produkten, die vollkommen aus­tauschbar sind. Es müßte gelten, positive gesell­schaftliche Trends aufzugreifen, anstatt einen objektiv betrachtet gesellschafts­schädigen­den Pfad weiter zu verfolgen.

Insgesamt werden an diesem Zitat die Widersprüche eines kapitalistischen und rein marktgesteuerten Systems deutlich. Das Wohlergehen der Menschen steht in direktem negativen Verhältnis zur sogenannten Wettbewerbs­fähig­keit.12

Die Marktargumentation bezüglich der Fleischproduktion soll an dieser Stelle vom Sprecher des EU-Agrarkommissars auch von der politischen Seite aufgenommen und vertieft werden:

Roger Waite [Sprecher des EU-Agrarkommissars] 13
„Wir haben Tierschutzregeln, die strenger sind als woanders in der Welt. Und es gibt auch – was weiß ich – in Australien, den USA – es gibt genau die gleiche Produk­tion. Also die versuchen – diese Großerzeuger in Europa – die versuchen mitzumachen. Aber auch mit strengeren Regeln als zum Beispiel woanders in der Welt.
Wenn wir weiter Fleisch produzieren wollen, müssen wir immer noch impor­tieren. Die einzige andere Möglichkeit wäre, daß wir unser Getreide ganz, ganz, ganz … sehr reduzieren und mehr pflanzliche Eiweißpflanzen haben. Und das ist eher unwahrscheinlich. Also der Markt … in der Hinsicht muß der Markt ent­schei­den.“

[Frage der Journalistin:] „Aber haben wir nicht eine Verantwortung gegenüber – jetzt – den Menschen in Südamerika zum Beispiel?“

Waite: „Ähm, äh … wir haben natürlich äh … eine Verantwortung ab … äh … und ähm … wir sehen, wie das äh … gemacht wird … und äh … auf äh … Regierungsebene natürlich reden wir auch mit den Brasilianern äh … äh und anderen Ländern. Aber ähm, wie ich sage – der Markt entscheidet. Und äh … so ist das.
[…] Der Markt wird entscheiden. Ich denke nicht, daß die gemeinsame Agrar­politik die Probleme von Welthunger oder Probleme von Hunger in Afrika alleine lösen wird. Wir haben andere Politiken – Entwicklungspolitik zum Beispiel und Investition – die wir da machen wollen. Es ist klar – längerfristig muß in Afrika mehr produziert werden – oder Asien – oder wo. Aber für uns ist wichtig in Euro­pa, daß wir unser Produktionspotential beibehalten, damit wir nicht zuviel im­por­tieren.“

Waite spricht in diesen Zitaten über die Fleischindustrie Europas, ihre Wettbe­werbs­fähigkeit auf dem Weltmarkt sowie über Tierschutz und Entwicklungspolitik. Für ihn stehen die Interessen der europäischen Fleischindustrie über Aspekten der Nach­haltigkeit, des Tierschutzes und würdiger Verhältnisse für die Menschen in Süd­amerika und Afrika. Zugleich versucht er, die mit den Fragen der Jour­nalistin im­pli­zierte Kritik zu entschärfen, indem er in puncto Tierschutz auf die angeblich ver­gleichs­weise strengeren Tierschutzgesetze in Europa verweist. in bezug auf die negativen Auswirkungen europäischer Agrarpolitik auf Ent­wick­lungs­länder und auf das komplette Versagen der sogenannten „Entwick­lungspolitik“ hat er keine Antworten. Vielmehr verweist er auf die Regulation durch den Markt. Obwohl die Probleme ja paradoxerweise ausgerechnet durch den freien Markt entstehen! Dieser Widerspruch scheint ihm jedoch nicht aufzufallen. Wie genau und mit welchen Mechanismen der Markt diese Probleme löst, oder ob er sie gar noch verstärkt, wird außen vor­gelassen. Der Hinweis auf den Markt stellt somit keinen Beweis dar, sondern eine oberflächliche Ausrede. Dies wird im Gespräch besonders deutlich, da der Interviewte an einer Stelle verbal ins Stocken gerät und dann als erlösendes Argument auf eben jenen Markt verweist.

Ohne vom eigenen Argument überzeugt zu sein, schlägt Waite als Lösung vor, ei­weiß­haltige Pflanzen verstärkt in Europa anzubauen und dadurch weniger (prekär produzierte, genetisch veränderte Sojabohnen) importieren zu müssen.14 Dies sei aber nicht wahr­scheinlich, fährt er sogleich fort. Wenig verwunderlich, denn er ist Vertreter eines europäischen Agrar­politikers, der sich offenbar seiner­seits der europäischen Agrar­industrie ver­pflichtet fühlt, die ohne Rücksicht auf Verluste billige Weltmarktnahrung produzieren möchte. Insgesamt ist aber nicht deutlich, wie durch die ange­sprochenen Maßnahmen „Entwick­lungspolitik“ und „Gespräche auf Regierungs­ebene“ eine tatsächliche Ver­besserung der Umstände erreicht werden soll.

In den Aussagen des Sprechers kommt eine zutiefst neoliberale Grundideologie zum Tragen, die keine anderen als wirt­schaftliche Argumente im Sinne seines Arbeitgebers und der Agrarindustrie zuläßt. Die hier erkennbar werdende Grund­auffassung von Wirt­schaft und Welt­handel trägt darüber hinaus merkantilistische Züge, zumal das Ver­langen nach einem würdigen Leben in Entwicklungs- und Schwellenländern mit dem Hinweis auf die höhere Priorität des Gewinnstrebens der europäischen Landwirt­schaft und Agrar­industrie abgewiesen wird. Die direk­ten Fragen der Journalistin sind Herrn Waite merklich unangenehm, vermut­lich, da er weiß, daß seine Antwort für seine Zuhörer nicht befriedigend sein kann oder da er sich in Widersprüche ver­strickt, die er in seiner Rolle als Sprecher für den Agrar­kommissar vertreten muß.

Um Fleischbeschau im geht es auch im nächsten Kapitel. Es setzt sich mit durch Profitstreben motivierter zwischenmenschlicher Res­pek­tlosigkeit auseinander. Kon­kret geht es um Wett­be­werbs­-Sendungen im harmlosen Unter­haltungs­ge­wand, in deren Rahmen Menschen für Einschalt­quoten und Werbeeinnahmen instru­mentalisiert und ausgebeutet werden.



1 Die Aussagen der Fleischindustrie sowie des Sprechers des EU-Agrar­kommissars wurden vom Autor der TV-Reportage „Nie wieder Fleisch“ von Jutta Pinzler et al. mitgeschrieben (NDR, 2012).
2 Zitat: Züchter und Mitarbeiter von Danish Crown Peter Hjort Jensen.
3 Zitat: Mitarbeiter von Danish Crown Karl-Eric Pederson.
4 Es gibt viele solche Beispiele in der Wirtschaft. So produzierte Nokia einst Gummistiefel und stieg auf Mobiltelephone um. Das inzwischen von Vodafone übernommene Unternehmen Mannes­mann stieg von der Produktion von Rohren auf Telekommunikationsdienstleistungen um.
5 Zitat: Per Laursen – Direktor des Danish-Crown-Schlachthofs Horn.
6 Zitat aus dem Jahresbericht des Danish-Crown-Konzerns 2010/2011.
7 Zitate von der Internetseite www.danishcrown.com (Zugriff 03/2012).
8 Zitat aus der oben genannten TV-Reportage von Anne Villemoes, Sprecherin Danish Crown.
9 Im folgenden Zitate aus dem „Jahresbericht 2010/11 – Danish Crown-Konzern“.
10 Beispiele: etwa 60 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen in der BRD werden für den Futtermittelanbau genutzt. Die Herstellung von 1.000 Kilokalorien Getreide in Deutschland, benötigt eine Fläche von 1,1 m², die von Gemüse 1,7 m², von Rindfleisch 31,2 m² (!) und von Schweinefleisch 7,3 m² (!).
11 Zitate aus Unternehmensvideo von www.danishcrown.com (Zugriff: 03/2012).
12 Dieser Zusammenhang muß zum Teil durchbrochen werden, denn das Wohlergehen der Men­schen muß in einer demokratischen und gerechten Gesellschaft oberstes Ziel sein. Mehr dazu im Kapitel mit den Vorschlägen für eine postneoliberale Gesellschaft.
13 Die Wortfindungsschwierigkeiten und Verlegenheitswörter der im Interview geäußerten Sätze werden hier wiedergegeben. Fairerweise muß angemerkt werden, daß Waite offenbar kein Deutsch-Mutter­sprachler ist und ein Teil der Unsicherheit in der Formulierung hierauf zurück­zu­führen sein wird.
14 Zum Beispiel Gen-Soja für die Tieraufzucht, welches meist aus Brasilien geliefert wird. Der An­bau führt etwa im nördlichen Teil Brasiliens zu extremer Armut und Hunger, was Herrn Waite bewußt zu sein scheint.

 

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